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(Ge)putscht – eine Nachlese

An einem sonnigen Morgen wachen wir auf und müssen durch das Fernsehen erfahren, dass der amtierende Präsident Manuela Zelaya, liebevoll von seinen meist bäuerlichen Anhängern Mel genannt, in einer nächtlichen Aktion gewaltsam aus seinem Bett entfernt, in ein Flugzeug gepfercht und dann in Costa Rica vor der Tür des dortigen Präsidenten abgeliefert wurde.

International sorgte dieses Vorgehen für erhebliches Aufsehen – ein Militärcoup in Zentralamerika erschien jedoch nichts Außergewöhnliches oder Unerwartetes. Ich nehme an, dass ein Grossteil der Weltbevölkerung (Deutschland eingeschlossen) ihre Erinnerung an die geographische Verortung von „Honduras“ mit einem Blick auf die Landkarte (oder heutzutage wohl eher Google Map) auffrischen musste.

Erstaunlicherweise löste diese Nachricht innerhalb Honduras, bei den meisten mir bekannten Honduranern, eher Achselzucken aus. Zum einen, weil der im Ausland, ach so beschriene Militärputsch, eine vom gesamten honduranischen Kongress einstimmig verabschiedete Aktion und Reaktion auf den Versuch Zelayas die Konstitution zu ändern darstellte, zum anderen weil weder Blut noch all zu viele Tränen geflossen sind.

Wir haben zwar von Demonstrationen gehört, aber eben nicht mehr, nur gehört. Die politische Aktivität beschränkte sich auf die Hauptstadt Honduras: Tegucicalpa (auch die Frage nach der Hauptstadt Honduras würden bei „Wer wird Millionär“ nicht Viele beantworten können).

Dann folgte ein Monat großer Unsicherheit: kommt der abgesetzte Präsident wieder? Bleibt er weg? Lassen alle anderen politischen Partner in wieder ins Land? Der Kongress hatte erstaunlich schnell und effizient einen Interimspräsidenten eingesetzt (Micheletti), der 24 Stunden am Tag Reden über das Fernsehen ans Volk richtete. Im Gegenzug tourte Zelaya auf der internationalen Bühne und -nicht zu vergessen, Chavez als parolenschwingender Hauptunterstützer Zelayas mit kontinuierlicher Medienpräsenz, stets im Hintergrund.

Insgesamt gestaltete sich alles ruhig und wirkte wie ein politischer Kinderspielplatz: „Ich will rein!“, „Nein, du darfst nicht mehr mitspielen!“, „Aber, ich will.“. Und er wollte wirklich so gerne, dass er sich (nach mehreren vergeblichen Versuchen) letztendlich im Kofferraum eines Auto über die Grüne Grenze ins Land schlich und dann  in der brasilianischen Botschaft verbarrikadierte. Zweiteres war notwendig, da der Kongress drohte ihn zu verhaften, sobald er honduranischen Boden beträte.

Der einzige Zeitpunkt, zu dem ich wirklich dachte, dass ein Bürgerkrieg unvermeidlich sei, war während eines dieser Versuche des Ex-Präsidenten, sich via Flugzeug zurück ins Land zu katapultieren. Die Interimsregierung hatte einen Hinweis darauf erhalten und entsprechend mit Militär-Präsenz auf besagtem Flughafen reagiert. Demonstranten (Pro-Zelaya) fingen an Steine zu werfen, ein Schuss fiel und ich verfolgte das erste Mal live und in Farbe das Sterben eines Menschen auf dem Fernsehbildschirm.

Bis heute gibt es keine eindeutigen Beweise wer und warum genau geschossen wurde. Beide Seiten beschuldigen die gegnerische Seite. Nun ist der Spuk vorbei: Am letzten Sonntag hat Honduras gewählt. Das Ergebnis wurde von allen (auch politischen) Seiten mit Erleichterung aufgenommen und auch die durch diesen Vorfall verschreckten Touristen stecken langsam ihre Nasen wieder ins Land.

So fühlt es sich also in einem Land mit vermeintlichem Militärputsch an: Wie immer, nur ohne Touristen. Ein kleiner Beitrag live aus Honduras.

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