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Facebook Ade

Der ein oder andere mag sich fragen, warum ich ihn, bzw. sie, aus meiner Freundesliste bei Facebook entfernt habe.
Ich habe nicht eine Person/Freund entfernt, ich habe ALLE Kontakte entfernt.
Seit Jahren schon fast predige ich, dass soziale Netzwerke zwar zum notwendigen Übel unser Zeit zu gehören scheinen, sich die Leute aber darüber bewusst sein sollten, welche Daten sie wem zur Verfügung stellen.

Nie bin ich es müde geworden den Leuten auf Nachfrage zu erklären, dass die Daten, die sie aus der Hand geben, sich verselbständigen und man keinen Einfluss mehr darüber hat, wenn sie erst einmal ihren Weg in das Internet gefunden haben.

Ich wollte es selbst wissen und meldete mich bei Facebook an. Vielen Dank an alle Unterstützer, die mich als „Freund“ markiert und zugelassen haben.
Ich wollte selbst erleben, was es heisst Teil von Facebook und seinen zahlreichen Auswirkungen auf unser soziales Gefüge und Weltbild zu sein.

Und Tatsache. Facebook macht süchtig. Auch ich habe mich immer gefreut, wenn ich einen neuen Freund in meiner Freundesliste auftauchen sah.
Geärgert habe ich mich ebenfalls. Über all diejenigen, die mich nichts als „Freund“ akzeptieren wollten und mich schlicht ignoriert haben.

Verwundert war ich über die vollbusigen Frauen, die offensichtlich gar nicht genug „Freunde“ haben konnten, so dass sie jede Freundschaftansfrage bestätigten.

Amüsiert stellte ich fest, dass es Leute gibt, die sich eine ganze Freundesdatenbank mit eben jenen, äußerlich attraktiv erscheinenden, Damen aufgebaut haben.

Neidisch war ich auf alle meine Facebook-Freunde, die schreiben konnten, was sie wollten und 10 Minuten später „20 Gefällt mir-Klicks“ hatten, während meine Beiträge größtenteils auf offensichtliches Desinteresse zu stossen schienen.

Im Laufe der Zeit entdeckte ich immer tiefergehende Folgen, die dieses Netzwerk nach sich zieht. Einige Beispiele:

Sei es das Thema Eifersucht: „Schatz, wer ist dieser Mann in Deiner Kontaktliste und warum klickt er jedes mal den „Gefällt-mir-Button“ wenn Du etwas schreibst ?“

So auch das Thema Urlaubsdokumention: „Ich verabschiede mich nun für 2 Wochen nach Thailand“ (und übrigens meine Wohnung steht leer und will unbedingt ausgeräumt werden).

Nicht zu vergessen die fotografische Dokumentation von Essen: „Hey Leute, schaut Euch mal das Schnitzel an, ist das nicht toll ?“

Mein persönlicher Liebling: „Sommer, Sonne, 26 Grad ..“

Da frage ich mich doch ehrlich, was den Leuten in ihrem Leben fehlt. Ich kann selber aus dem Fenster schauen und sehen ob die Sonne scheint. Ich weiß wie ein Schnitzel aussieht und wenn man seine intimsten Momente im Leben auch noch zeitnah in Facebook dokumentieren muss, spricht das in meine Augen eher von einem Defizit an Sozialkompetenz.

Facebook ist witzig und macht Spaß. Jeder weiß ja, dass seine Daten für teures Geld verkauft werden, denn Facebook ist nicht umsonst. Man zahlt kein Geld, sondern mit seinen persönlichen Daten.

Mittlerweile ist Facebook mit seiner Timeline ja nun soweit gegangen, dass Facebook einem auch folgt, wenn man gar nicht auf Facebook ist.

Was von einem dieser zahlreichen dämlichen Rundschreiben begleitet wurde:

Bitte tut mir einen Riesengefallen… geht mit dem Cursor bitte auf meinen Namen (nicht klicken!), dann wartet bis der Kasten erscheint (mit meinem Namen und Bild drin). dann geht mit dem Cursor auf den “Abonniert” Button und wartet auf das Dropdown-Menü, dann nehmt bitte den Haken raus bei “Kommentar e und ‘Gefällt mir’ “. DANKE! Und dann postet das in Euren Status, wenn Ihr auch nicht wollt, das jeder einzelne Post und “Gefällt mir”-Klick von Euch für jeden rechts im Newsticker sichtbar ist. Ich tu das auch gerne für Euch – einfach auf “Gefällt mir” klicke eine sache von sekunden.seid so lieb.danke.

Der Blog Schnittgerinne hat hierzu einen netten Beitrag geschrieben.

Nachdem ich nun einige Monate Facebook-Mitglied war, bzw. es immer bleiben werden müsse, da man seinen Account zwar löschen kann, dieser aber mit dem ersten Versuch sich wieder einzuloggen, komplett und unverändert wieder verfügbar ist, setze ich dem Spiel nun ein Ende. Anonymität ist Luxus und viele werden das erst noch lernen, bzw. irgendwann spüren müssen.

Die Daten bleiben auch nach Accountlöschung auf dem Facebook-Server und die Kopien von Bildern Eurer Urlaube, Hochzeiten, Ausfällen im Oktoberfestzelt hat ja ohnehin jeder schon auf seine Festplatte kopiert, der Interesse daran gehabt hat.

Erstaunt hat mich dahingegen doch die exhibitioniste Ader einiger meiner Freunde.
Der Großteil hat es zumindestens verstanden, dass es nervt, seine Freunde mit jedem Mist zu behelligen, der keinen interessiert und zeigt sich recht verhalten in der Dokumentation seines Lebens.
Nicht so der andere Teil, der mit 20 Einträgen pro Tag auf Facebook zeigt, dass er offensichtlich keine Arbeit hat die ihn auslastet, keine Freunde hat mit denen er sich unterhalten kann oder einfach nur Geltungsbedürfnisse besitzt.

Jeder regt sich über Spam im Mailpostfach auf, keiner sagt etwas, wenn er 300 neue Einträge pro Tag bei Facebook abarbeiten muss.
Ich habe mich ja selbst beim neugierigen Durchforsten von Vergangenheiten und Lebensgewohnheiten erwischt und muss feststellen: es macht Spaß. Aber selten habe ich so viel Zeit oder Langeweile, dass ich da Stunden davorsitzen kann, wie offensichtlich (und gut dokumentiert) der ein oder andere.

Die Pest auf Facebook hat mit den ganzen Partnerprogrammen Einzug gehalten. Plötzlich stand da auf der eigenen Pinnwand: „Jemand gibt ein Geheimnis von Dir preis“. Oder „Wenn Du wissen willst ob er/sie gut küssen kann, dann klicke hier“. Ruckzuck landete man auf einer Seite, der man seine ganzen Daten Preis geben musste und machte so Tür und Tor für die Werbeindustrie noch ein Stück weiter auf.

Die User lassen sich freiwillig „profilen“ und auskundschaften, lassen es zu, dass Bewegungsprofile und Verhaltensmuster über sie gespeichert werden und beschweren sich, wenn es darum geht, dass ihr Nummernschild auf der Autobahn gefilmt werden soll oder sie bei „Rewe“ mit Unterschrift unter der Lastschrift zustimmen, dass ihre Daten weitergegeben werden dürfen.

Ich hoffe inständig, dass die Leute irgendwann mal aufwachen und sich bewußt darüber werden, wie widerstandslos sie sich selbst im Internet prostituieren, um des Spasses willens, der eigentlich keiner mehr ist. Die Realität zeigt, dass es eher traurig ist, was da alles an sozialen Defiziten offenbart wird und unter dem Deckmantel eines gesellschaftlichen Trends Einzug auf fremden Bildschirmen hält.

Wieviele Freunde habt ihr ? Wirkliche Freunde ! Fünf Stück, wenn es hoch kommt. Ihr teilt Eure Urlaubsbilder, Hochzeiten, Euer Bewegungsprofil und privates und geschäftliches Netzwerk aber mit teilweise 300 Leuten !!! Ist Euch das bewusst ? Würdet ihr, wenn es Facebook nicht geben würde, alle diese Informationen mit diesen Leuten teilen ? Ihr habt Leute in Eurer Freundesliste, die habt ihr zufällig mal irgendwo getroffen und offenbart ihnen nun Euer Privatleben. Das ist Facebook, denn das geht unter in diesem Hype. Es sind keine Freunde ! Beliefert ruhig weiter die Spanner, Voyeure, werdet zum Gegenstand der Belustigung, wenn einer Eurer „Freunde“ bei Facebook Eure Bikinibilder in der Firma zeigt.

Auch wenn ich Sascha Lobo nicht unbedingt als meinen Lieblings-Blogger bezeichnen würde, so bringt er doch in diesem Fall in einem aktuellen Artikel im Spiegel die Sache auf den Punkt:

„Das Internet selbst verändert das Verständnis von Datenschutz, Privatheit und Öffentlichkeit. Facebook wittert die Fährte nur früher als andere und gibt den Netzbewohnern, was sie wollen, bevor sie selbst wissen, was sie wollen. Es ist eine arrogante Illusion der Datenschutzfront, dass soziale Netzwerke die Macht hätten, das Verhalten ihrer tumben Nutzer nach Belieben zu steuern. In Wahrheit ist es umgekehrt: Ein Social Network ist nichts ohne die ständig erneuerte Gunst seiner Nutzer, ohne ihr Einverständnis in das beschriebene Tauschgeschäft.Sieben Milliarden Fotos und 60 Milliarden Kommentare und Likes, die im Monat auf Facebook eingestellt werden, sind eindeutig: die Netztätigen lieben es, Daten preiszugeben.“Quelle: Sascha Lobo in Spiegel Online

Aber ab heute leider ohne mich ..

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